Bayern-Tournee, Tag 3

Alle hatten mich gewarnt. „Was willst Du denn dort?“ war die häufigste Reaktion während der Hochzeitsparty am Vorabend. „Keine Ahnung. Ich war noch nie dort und will es einfach gesehen haben“, war dann meine Antwort.

Doch der Reihe nach: Zunächst war da am Samstag die Trauung und ab dem späten Nachmittag die Feier im Rosarium. Bei der Vorstellung der Anwesenden habe ich das nette Pärchen aus Heide an der Nordsee um den Titel als von am weitesten angereister Gast gebracht, was mir noch immer ein wenig leid tut.

Bilder von der Feier habe ich keine, denn entweder war ich nicht in der Lage, die Kamera korrekt zu bedienen oder die Gäste waren zu schnell für die Belichtungszeit. Neben dem Fazit, dass ein letztes Bier auf so viel Rotwein nicht gut ist für den Wasserhaushalt, muss ich auch noch feststellen, dass Psychologen eigentlich ganz nette Menschen sind. Aber mit Tierärztinnen kommt das Gespräch irgendwie besser in Fahrt.

Aber egal. Jedenfalls habe ich mehrmals zu hören bekommen, warum ich ausgerechnet nach Cham fahren wolle. Cham, für die nicht-Bayern, ist eine Kreisstadt kurz vor der Grenze zur Tschechei.

Ehrlich gesagt habe ich bis heute überhaupt keine Ahnung, warum ich dort hinfahren wollte, statt so schöne Stätde wie Straubing, Altöttig, Passau, Augsburg oder den Chiemsee anzusteuern, die alle in Reichweite einer Tagesreise mit dem Mietwagen gelegen hätten. Über Cham hatten die angesprochenen Gäste nur zu erzählen, dass es dort weder schön noch interessant sei. Damit tut man der Stadt aber unrecht. Denn ohne Cham würden die Franzosen heute nicht zu allen möglichen Anlässen die „Marseillaise“ anstimmen, sondern müssten sich vermutlich mit „Sur le Pont“ begnügen. Denn die französiche Nationalhymne wurde einst dem Grafen Nikolaus von Luckner gewidmet, der unter König Ludwig XVI. einiges geleistet haben muss. Und Luckner wurde, jetzt wenig überraschend, in Cham geboren. Außerdem war Cham 1959 Jahre der Drehort für den Antikriegsfilm „Die Brücke“. Gut, mittlerweile wurde das Bauwerk durch eine modernere Brücke erstetzt, aber geschichtsträchtig ist die Sache irgendwie trotzdem.

Warum also Cham? Ich weiß es nicht. Vermutlich ist es einfach nur so, dass ich mich der Faszination nicht entziehen kann, wenn nicht einmal restlos geklärt ist, wie die Stadt ausgesprochen wird. Also mit „ch“ wie in Kirche oder mehr wie „kam“ , nur mit längerem a-Laut. Es soll sogar Norddeutsche geben, die nach dem Weg nach „Chamidopf“ fragen, weil sie noch nie davon gehört haben, dass „i.d.Opf.“ für „in der Oberpfalz“ steht.
(Was mich daran erinnert, dass mir ein Reisebüro-Mitarbeiter mal von einem Kunden erzählte, der unbedingt mit „Eier Franze“ nach Paris fliegen wollte.)

Kurz: Natürlich habe ich Straubing, Passau und Augsburg links liegen lassen und bin nach Cham gefahren. Und auf den ersten Blick konnte ich die geringschätzenden Urteile auch verstehen. Denn selbst für einen sonnigen Sonntagmittag wirkte die Innenstadt irgendwie leer. Als hätte die chinesische Regierung auch hier sicherheitshalber mal evakuieren lassen:

Nun mag Cham vielleicht nicht die allerbeeindruckendste Altstadt BAyerns haben und vermutlich gibt es auch nur eine handvoll alter Gebäude, auf die man hier richtig stolz sein kann. Aber eines kann man den Chamern (Chamenitern? Chamensern? Chameuren?) nicht absprechen: Mut zur Farbe! Grundsätzlich empfinde ich süddeutsche Städte als deutlich farbenfroher als beispielsweise in Schleswig-Holstein. Warum dies so sein könnte, weiß ich nicht. Regensburg, Landshut, Kehlheim, München – überall sind die Fassaden der Altstädte in satten oder pastellenen Farben angemalt. In Cham kam mir dies am ausgeprägtesten vor, was sich für eine Stadt, die mit dem Slogan „Stadt am Regenbogen“ wirbt, auch ganz gut so ist. Allerdings bin ich mit den kombinierten Ergebnissen der Fassadenmalerei nicht immer ganz einverstanden:

Und noch ein Pluspunkt für Cham als Fotomotiv. Wenn man ganz gemeine Perspektiven und Bildschnitte wählt, ist die Stadt gut für ein paar Lacher. Den Wortteufel wird’s hoffentlich freuen:

Nach dem Besuch in dieser Stadt bin ich übrigens noch weitergefahren durch die Provinz. Bis zum Fuße des Großen Arbers, wo ich mir einen Kaffee gönnte. Aber warum ich nun ausgerechnet dorthin gefahren bin, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

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