Bericht aus einer anderen Welt

Während der Fahrt zum Hotel traf zuerst meine Nase eine Entscheidung. „Kathmandu stinkt!“, teilte sie mir unmissverständlich mit und untermauerte diese Erkenntnis mit detaillierten Infos über Abgase, fauligen Dreck, Urin. „Kathmandu ist laut“, maulten die Ohren über das pausenlose Gehupe der Autos, Motorräder, Tuk Tuks und Fahrradrikschas. Und, obwohl noch etwas müde vom frühen Aufstehen samt vierstündigen Flug, schließlich meldeten auch die Augen, dass Nepals Hauptstadt dreckig sei. Staubige Straßen, Abfall in den Rinnwegen, Hundekot, schmutzig-rissige Fassaden einstmals hübscher Häuser, armseelig gekleidete Bewohner. „Hässlich, aber lebendig“, formte mein Verstand aus diesen Eindrücken. Genauso hatte ich Mitte der 90er Jahre gedacht, als ich an einem Wintermorgen erstmals durch Ost-Berlin fuhr, wo ich einige Monate arbeiten sollte.

Als das Taxi dann von einer engen Gasse in einen vermüllten Trampelpfad abbog, fürchtete ich eine Sekunde, gleich würden auch noch Straßenräuber aus den Büschen springen und unsere Sachen mitnehmen. Aber nach einigen Metern stoppte der Wagen am Hotel und entließ uns in einen gepflegten Garten mit Sitzbänken, Tischen, gemähtem Rasen, Wasserspiel und einem roten Backsteingebäude mit geschnitzten Fensterrahmen im nepalesischen Stil. Schön.

„Warm welcome“ trifft die Begrüßung durch den Front Desk Manager des Kanthipur Temple House wohl am Besten. Wie die Reise war, wo wir herkämen, wollte er zunächst wissen, um uns dann das Hotel zu zeigen. Das Restaurant, dessen Fenster von schweren Vorhängen verdunkelt waren, eine kleine Bar, der Garten. Dann er Weg hinauf in den vierten Stock. „Einen Fahrstuhl gibt es hier nicht, das ist Teil unseres Öko-Konzepts“, sagte er und lachte dabei eine Spur zu laut. Auch Tüten oder Flaschen aus Plastik seien in diesem Haus verpönt, fuhr er fort, die Gäste könnten stattdessen Beutel fürs Shopping bekommen und Trinkflaschen aus Metall mitnehmen. Trinkwasser gibt es im Hotel gratis. Der nach vielem Suchen in Dubai gefundene Reiseführer hatte bereits eindringlich davor gewarnt, Leitungswasser in den Mund zu nehmen. Auch das Treppenhaus und die Gänge waren dunkel, alle paar Meter lediglich von ein paar Einergiesparlampen erhellt. „Kathmandu hat ein Problem mit der Energieversorgung“, sagte Saihm (ausgesprochen „Sam“). Deswegen versuche man, sparsam mit Strom umzugehen. Erzählte etwas von Solarenenergie auf dem Dach und Stunden, in denen in der gesamten Stadt der Strom abgestellt würde, und man auf Kerzen umsteigen müsse, auch in diesem Hotel. „Der Zeitplan dafür hängt an der Rezeption“, sagte er. Ohne zu lachen. Dann entließ er uns in ein niedlich eingerichtetes lichtes Zimmer („Wir haben Sie upgegradet von Standardzimmer zum Deluxe Room. Sie zahlen aber nicht mehr“), drückte uns ein Vorhängeschloss in die Hand und ließ uns allein.

Beim Rundgang durch die Innenstadt muss man aufpassen, in den engen Gassen nicht von den Motorrädern und Autos überfahren zu werden, die kurz hupen, ansonsten aber einfach weiterfahren. Auf kleinen Marktplätzen bieten die Händler Gemüse, Schuhe, Kunsthandwerk, aber auch mal Geflügel oder ein halbes Schwein an, an dem sich die Fliegen unter der prallen Sonne zu schaffen machen.

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Kathmandu liegt auf 1400 Metern Höhe in einem Tal, auch im Dezember können die Tagestemperaturen über 20 Grad steigen. Das Tal verhindert den Luftaustausch, entsprechend liegen die Abgase wie ein dicker Schleier über den Straßen. Atemmasken sind ein ziemlich normaler Anblick.

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Ein Stadtbummel ist wie eine kulturelle Zeitreise ins Mittelalter, denn die meisten Häuser sehen so aus, als wären sie seitdem nicht mehr gepflegt worden. Von den Gassen gelangt man durch niedrige Gänge in ruhige Innenhöfe, in denen sich gelegentlich komplette Tempelanlagen befinden.

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Die größeren Exemplare finden sich am Durbar Platz und vor allem aber in Bodnath, einem von Tibetern bewohnten Viertel. Man könnte die um einen Platz angeordneten bunten Häuschen auch in einer italienischen Kleinstadt vermuten, stünde da nicht die riesige Stupa in der Mitte. Dieses buddhistische Bauwerk ragt 36 Meter in den Himmel und gehört zu den größten seiner Art.

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Zwar ist der derzeitige Zustand der Stadt eher nicht so schön, aber sie hat Charakter und ist authentisch, also nicht so ein künstliches Durcheinander wie Dubai. Auch wenn die meisten Bewohner als arm gelten, hatte ich auch abends im Dunkeln, während der Strompause nie Angst, jemand würde mich in eine Ecke ziehen. Eher schon vor den fast unsichtbaren Hundehaufen.

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Ebenso beeindruckend sind die Städte Patan und Bhaktapur mit dem 30 Meter hohen Nyatapola-Tempel, dem größten im gesamten Kathmandu-Tal (hier erst einmal ohne Foto).

Wenn man genau hinschaut, entdeckt man an vielen der Bauwerke Holzschnitzereien, die Männlein und Weiblein bei ziemlich eindeutigen Aktivitäten zeigen. Es ist nicht so, dass hier nepalesische Pornografie gezeigt würde, die Schnitzereien dienen als Blitzableiter. So ganz habe ich die Auführungen unseres Guides nicht mehr im Kopf, aber eine der Erklärungen besagte in etwa, dass der böse Blitz durch so etwas schönes abgelenkt würde (also vielleicht einen roten Kopf bekäme) un deshalb sein Ziel verfehlt. Eigentlich ein schönerer Schutz gegen Unwetter als diese schnöden Metallstäbe im Rest der Welt.

Überhaupt ist das Leben in Nepal prall gefüllt mit Mythen, Göttern und Geschichten, die ich beim besten Willen nicht schnell zusammenfassen kann. Allerdings habe ich viele Erklärungen aufgenommen und mache vielleicht mal eine Slideshow, um eine Stupa zu erklären oder das Wesen der Götter Shiva (das ist dieses Wesen mit den vielen Armen und dem elefantenförmigen Sohn Ganesha) und Vishnu (blau und vielarmig). Wesentlich weltlicher sind dagegen die Bestattungsrituale: die Totoen werden in Nepal verbrannt (was ein weiterer Grund für die geringer werdenden Waldbestände ud die rauchige Luft ist). Das Ritual findet am Flussufer statt und ist praktisch öffentlich. Die Asche wird ins Wasser gestreut, was unser Guide grinsend mit „alle unsere Flüsse fließen nach Indien“ kommentiert. Der große Nachbar ist in Nepal recht unbeliebt.

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Höhepunkt der Reise, war jedoch im wahrsten Sinne des Wortes ein Rundflug entlang des Himalaya-Gebirges. Natürlich gab es dabei auch den Mount Everest zu sehen. Sehr beeindruckend.

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Dafür liege ich aber nun mit Erkältung im Bett.

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One Response to Bericht aus einer anderen Welt

  1. turkishmom sagt:

    Erstmal Gute Besserung. Kann das vielleicht am schreitenden Verfall liegen? So mit dem Alter wird man ja anfaelliger ::)))

    Der Bericht liesst sich klasse und fast ist man geneigt, auch mal dorthin zu fliegen. Aber nur fast. Ich bin ein wenig – nun sagen wir mal – eigen. Doch dann sieht man dieses wahnsinnige Bild vom Mount Everest und ueberlegt es sich schon wieder. So einige Tage Nepal wuerden mich schon nicht umbringen oder?

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