Grmph zum Jahresende

Seit Jahren bekomme ich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen – vollkommen berechtigt – freundliche Ermahnungen, dass ich doch mal die Taschen leeren solle, bevor ich meine Hosen in den dreckige-Wäsche-Sack schmeiße. Gestern war ich dran, die saubere Wäsche von der Leine abzuhängen, als plötzlich ein 1-Dirham-Stück auf den Boden kullerte. Und die einzige Hose weit und breit gehörte nicht mir. Was für eine Freude. 😉

Dieses Hochgefühl hielt allerdings nur bis heute morgen an, denn nach einem Anruf und einem schnellen Check im Internet war klar, dass die geplante große  Silvester-Party in der Wüste wohl nicht stattfindet. Unser Sheikh Mo hat aus Respekt vor den Opfern im Gaza-Streifen alle Neujahr-Festlichkeiten  in Dubai abgesagt und die Behörden angewiesen sicherzustellen, das auch sicherzustellen.

Ich erspare mir jetzt mal eine Aussage darüber, ob ich diese Entscheidung gut, angemessen oder berechtigt finde. Ob die vielen Leute hier, die für viel Geld eine Party oder ein Dinner in den Hotels und Clubs gebucht haben – womöglich extra aus Sonstwoheristan eingeflogen sind -, ob die wirklich alle ihre Solidarität mit den Palästinensern zeigen wollen. Freiwillig kann jeder machen, was er will. Erzwungen ist so eine Sache. Zumal die anderen Emirate nicht mitziehen und Shakira wohl heute abend in Abu Dhabi auftreten wird.

Grmph!

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7 Responses to Grmph zum Jahresende

  1. turkishmom sagt:

    Ach Mensch, das ist aergerlich. Zum einen stellt sich mir die Frage, ob es ihnen gut tut, wenn nicht gefeiert wird. Was haben die Palaestinenser davon, wenn in Dubai nicht gefeiert wird.

    Zum anderen, schadet sich Dubai mit dieser Aktion irgendwie selber. Da werden sich die Leute die extra aus Sonstwoheristan eingeflogen sind, naechstes Mal woanders hinbegeben.

    Und noch was anderes; warum ausgerechnet Solidaritaet mit Palaestina? Im Iraq sterben seit Jahren taeglich ‚Glaubensbrueder und -schwestern‘. Sind die weniger Wert als die in Palaestina?

    Ist fuer mich irgendwie alles wischiwaschi. Entweder bin ich konsequent und zeige Solidaritaet mit allen oder lasse ganz.

  2. Herr A. sagt:

    Volle Zustimmung. Leider.

  3. Stephan sagt:

    Ich glaube immer noch, dass es noch eine andere Wahrheit hinter dieser Entscheidung gibt, aber bekomme dazu in einem Feudalstaat mal die News. Es gibt so viele Gerüchte über die Gesundheit des Scheichs, auch in Verbindung mit dem Stress der Immobilienkrise usw.

    So oder so ist es schlechte PR weltweit, hebt fast die Wirkung des Palm-Feuerwerks auf, obwohl das bei den Lokals wahrscheinlich keiner so sieht. Wenn Religion mit Politik und Macht verwoben ist, wirds immer schwierig.

    Ich habe in einigen Foren sehr hässliche Auseinandersetzungen zwischen Westlern und Emiratis gelesen, von wegen ‚Ermordung von Nicht-Muslimen wird akzeptiert‘ und ‚Westler-Säufer die ja gehen können oder deportiert werden sollten‘.

    Heftig. Keine Ahnung, ob das immer so war, mehr wird oder sich gerade in der Krise verschärft hat. Wäre dazu für einen Kommentar dankbar.

  4. Herr A. sagt:

    Ja, von den Gerüchten über gewalttätige innerfamiliäre Auseinandersetzungen habe ich auch gehört. Auch gibt es Leute, die behaupten, jemanden zu kennen, der weiß, dass alle Feiern abgesagt wurden, weil es Hinweise auf Anschläge o.ä. gegeben haben soll.
    Aber ob das mehr als Gerüchte sind, wer weiß das schon hier. Ganz unplausibel ist das alles nicht, denn die Solidarität mit den Palästinenser, um die man sich den Rest des Jahres ja nun auch nicht gerade besonders viel schert, klingt wie eine reichlich lahme Begründung.

    Vielleicht wird die Diskussion in den Foren etwas heftiger, ich lese das auch so. Aber es ist nun auch mal so, dass jeder die Wirtschaftskrise spürt – die Westler bangen um ihre Jobs und geben den gierigen Landlords und Locals die schuld an den hohen Preisen und den zusammenklappenden Unternehmen. Die Locals hingegen sehen ihre Vermögen dahinschmelzen (Der Index der Dubaier Börse ist um 80 Prozent im Vergleich zu Vorjahr gesunken) und geben den Expats die Schuld an der ganzen Entwicklung, die die Locals so ja nie gewollt hätten (na , außer dem Geld vielleicht). Für die Emiratis ist es auch nicht leicht: mit den westlich ausgebildeten Fachkräften können viele nicht konkurrieren, aber der gesellschaftliche Druck erfolgreich zu sein, ein Haus zu bauen und viel Geld für Konsumkram und pompöse Hochzeiten auszugeben, ist trotzdem da.
    Gestern stand noch in der Zeitung, dass bis 2012 die Einkommensteuer in den GCC-Staaten kommen soll. Damit ginge dann ein weiterer Standortvorteil flöten und die Leute hier müssten richtig anfangen zu arbeiten um den Lebensstandard zu halten und das Land wirtschaftlich voranzubringen.

    Alle sind genervt. Geradezu verständlich, dass da der Ton rauher wird.

  5. Anke sagt:

    ich bin schon so lange eine stille mitleserin und als vorsatz für 2009 hab ich mir nun vorgenommen mal öfters meinen senf loszuwerden 😉
    in diesem sinne wünsche ich ein frohes neues jahr in dem alles so kommt wie du es dir wünschst !
    anke

  6. Stephan sagt:

    Herr A., vielen Dank für diesen Beitrag, sehr treffende Analyse. Entlang dieser Entwicklung glauben einige Freunde von mir in den nächsten 12 Monaten die Entwicklung von Dubai ablesen zu können, hop oder top. Ich bin skeptisch. Es gibt hier keine Konfliktfähigkeit, aber grenzenlosen Konsumwillen bei maximaler Faulheit und latenter Fremdenfeindlichkeit. Ich überzeichne, ich weiss, aber ich mache mir halt Gedanken, weil ich eigentlich weiterhin sehr viel Chancen sehe.

  7. Herr A. sagt:

    @Anke: Bin gespannt auf den Senf. Danke für die Wünsche.

    @Stephan: Eigentlich ist es ja so, dass die Mehrheit beider Seiten, also Locals und Expats (die tatsächlich keine homogene Gruppe darstellen), überhaupt nicht aneinander interessiert sind. Ich kenne praktisch niemanden hier (mich eingeschlossen), der versucht, die Sprache zu lernen, sich den hiesigen Sitten und Gebräuchen anzupassen, die Kultur zu respektieren und so weiter. Wir essen unser Essen, trinken Alkohol, feiern laute Partiesund laufen relativ freizügig durch die Gegend, weil wir keinen Bock haben, uns den aus unserer Sicht merkwürdigen Verhaltensweise zu unterwerfen. Das ist ziemlich arrogant (und erinnert mich immer wieder an die Diskussion in Deutschland, dass Ausländer nicht integrationswillig seien).
    Die Locals haben angesichts solchen Verhaltens (und weiterer merkwürdiger Verhaltensweisen von anderen großen Ausländergruppen im Lande, etwa beim Thema Arbeitsmoral) auch keine Lust, sich mit den vielen Ausländern auseinanderzusetzen, sondern schotten sich lieber ab von diesen Fremden. Kommt mir aus Deutschland auch bekannt vor.
    Tja, wie soll hier ein freundschaftlicher Dialog entstehen?

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