Glänzende Fassaden

Gestern habe ich mich geärgert. Nein, eigentlich nicht wirklich, denn alles was gestern passierte, war irgendwie absehbar. Weil es hier fast immer so läuft. Vielleicht trifft es „resigniert“ besser. Auch „Alle Vorurteile wurden mal wieder bestätigt“ passt haargenau.

Aber der Reihe nach.

Gestern Vormittag bin ich nach Abu Dhabi gefahren, weil ich dort zu einer Veranstaltung wollte, mit deren Stattfinden ich eigentlich auch schon nicht mehr gerechnet hatte. Nur am Rande sei erwähnt, dass ich auf der Hinfahrt ungefähr drei Mal ins Lenkrad beißen musste, um den völlig gehirnamputierten Autofahrern nicht mit bestimmten Gestiken klarzumachen, dass sie gerade mein Leben achtlos riskierten, bloß um mich mit 60 km/h jenseits des Erlaubten vor einer Fahrbahnverengung zu überholen und so ein paar Sekunden schneller ans Ziel zu kommen. (Eindeutige Gesten wie der „Stinkefinger“ gelten in den VAE als schwere Beleidigung und können, wie neulich ein Australier erleben musste, dazu führen, dass man Besuch von der Polizei bekommt, ein bisschen Knasturlaub macht und dann aus dem Land geschmissen wird. Natürlich kommt es wie immer darauf an, welche Nationalität der Beleidigte hat – Wer errät sie im ersten Versuch?)

Zurück zum Thema. Vergangenen August wurde ich von einem Bekannten aus Abu Dhabi gefragt, ob ich nicht mit ihm zusammen ein Kapitel für ein Buch schreiben wolle, das letzlich die Regierung herausgeben wollte, um  Leben, Kultur, Wirtschaft, Architektur und so wieter des Wunderemirats angemessen zupräsentieren. Er war über eine Freundin, die das Projekt managte,  gefragt worden, weil er sich mit dem Thema Architektur  ganz gut auskennt. Nun hat der gute Mann aber wenig Zeit und kann auch nicht so gut formulieren. Bei mir ist das eher umgekehrt (habe keine Ahnung, kann aber schreiben) und dementsprechend sagte ich zu. Ich begann zu recherchieren, schrieb einen ersten Entwurf, überarbeitete diesen, ließ ihn von einem englischen Journalisten korrekturlesen (hatte ich schon erwähnt, dass das Buch auf Englisch erscheinen würde) und schickte den Text dann an den Bekannten. Mit geringen Änderungen und Ergänzungen versehen, leitete er das Manuskript weiter. Dann passierte eine ganze Weile nichts. Ich hörte noch zwischendurch, dass jemanden Inhalt und Rechtschreibung nicht so dolle gefallen haben sollen, aber innerlich hatte ich das Projekt ohnehin als „Wird sowieso nichts draus“ abgehakt.

Vorgestern kam dann plötzlich die Einladung zur großen Buchpräsentation. Scheinbar hatten die Jungs in Abu Dhabi doch alles irgendwie zwischen zwei Deckel pressen können. Gespannt fuhr ich zum Veranstaltungsort, wo bis 12.30 Uhr, dem offiziellen Beginn des Events, eine ganze Reihe von Autoren, Fotografen und Malern, die alle zum Buch beigetragen hatten, darauf wartete, dass es endlich losging und man das fertige Werk betrachten und mitnehmen könne. Selbstverständlich begann die Veranstaltung mit einer halben Stunde Verspätung, das ist einach normal in dieser Region.  Es folgten ein paar Redner, die aber auch nichts wirklich Spannendes zu sagen hatten (immerhin waren sie anwesend – Ich war neulich bei einem Museums-Symposium in Sharjah, wo drei Redner erst zur Halbzeit eintrafen und die anderen einheimischen Vortragenden einen so dünn-dämlichen Blabla von sich gaben, dass ich mir solche Veranstaltungen künftig sparen werde). Auch das Ballett-Stück einer Jugend-Tanztruppe hatte unfreiwillig lustigen Charakter, nachdem der Vorhang aufging und erstmal zwei Arbeiter über die Bühne latschten, um ein Stehpult beiseite zu schieben („Belly dance“ statt „Ballett dance“?). Zwischendurch mussten zwei Tänzerinnen minutenlang regungslos (hach, immer diese modernen Tanzaufführungen) unter einem Tuch kauern, weil jemand entweder die CD mit der Musik verlegt oder den Ton abgestellt hatte. Danach kam noch aus unerfindlichen Gründen der Botschafter von Malta auf die Bühne (alle anderen waren wohl auf der Veranstaltung mit Frankreichs Präsident Sakorzy)  unterzeichnete etwas, dann ging das Licht an und der formelle Teil war vorbei.

Das offiziell gelaunchte Buch, ja, das gab es dann im Foyer zu sehen. Ganze zwei Exemplare lagen aus und konnten bewundert werden (unnötig zu erwähnen, dass es keine Freiexemplare für die daran Beteiligten gab und das Buch auch nicht käuflich zu erwerben war). Ich hatte schon ein dunkle Vorahnung, weil ich auf der Website von www.timetoshine.ae meinen Namen nirgends gefunden hatte. Deswegen war ich auch nicht völlig geschockt als ich weder im Autorenverzeichnis auftauchte noch als Mitautor über dem Text stand. Irgenwie hatte irgendwer mich schlicht vergessen. Das kommt schon mal vor, wenn die Verantwortlichen wichtige Entscheidungen und die Arbeit solange schleifen lassen, bis die Zeit fast um ist und dann plötzlich (?) alles ganz schnell gehen muss, sodass keine Zeit mehr für Korrekturen bleibt. Wohl jeder, der in Dubai arbeitet, kennt dieses Problem (Mein Nachbar beispielsweise ist Fotograf und wurde beauftragt, für eines der großen Shoppingfeste die Bilder für den Katalog zu machen. Eigentlich hätten der schriftliche Auftrag und ein Scheck mit einem Teilhonorarschon längst bei Ihm eingetroffen sein sollen, damit die Arbeit losgehen kann. Veranschlagt sind 12 Tage für das Fotoshooting und die Bearbeitung der Bilder, spätestens am 8. Juni muss alles fertig sein, damit der Katalog produziert werden kann und rechtzeitig vor Beginn des Festivals fertig ist. Der gute Mann wartet noch immer in seiner Wohnung darauf, dass es endlich losgeht – ich weiß, wer demnächst Nachtschichten schieben muss).

Da ich also nicht überraschend enttäuscht war, meinen Namen vergeblich im Buch zu finden, konnte ich ein bisschen besser den Reaktionen anderer folgen: „Ah, hier ist ein Foto von meinem Bild. Oh, schade, mein Nachname wurde falsch geschrieben“ und „Mein Name ist auch falsch geschrieben“ und „Mein Bild steht auf dem Kopf“ (Es ist aber auch schön blöd, in dieser Region abstrakte Malerei abzuliefern, bei der man, anders als bei Personenporträts oder Bildern von Kamelen, das Oben nicht ohne Nachdenken vom Unten unterscheiden kann.  Mit Betonung auf „ohne Nachdenken“).
Den zuständigen Jungs irgendwo da oben in einer Behörde wird das egal sein. Sie haben etwas Bunt-gänzendes, dass sie ungelesen in ihr Regal stellen oder verschenken können und trotzdem den Ruhm ihres Emirats mehrt. Dass Autoren, Maler und Fotografen nicht ganz so glücklich sind, und nebenbei auch noch kein Geld bekommen haben, dass  ist eher von nachrangiger Wichtigkeit.

Typisch?
Typisch.
Leider.

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3 Responses to Glänzende Fassaden

  1. Ansku sagt:

    Oh, sehr schade. Da irgendwas einzufordern oder einzuklagen – wie es hier üblich wäre – scheint dann wohl auch aussichtslos…

  2. Kirsten sagt:

    So ein Ärger, das tut mir Leid.

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