Schlaflos in München

Dienstag 16. Juni 2009

Ich liebe den leicht wirren Zustand der Jetlägerigkeit: In welcher Zeitzone bin ich gerade, wie heißt die Stadt da draußen am Fenster und warum bin ich wach, obwohl es noch zappenduster ist?

Gestern abend mit deutlicher Verspätung aus Kabul in Frankfurt gelandet, aber den letzten Zug nach München doch noch erwischt.

Um Mitternacht  hatte das Hotelrestaurant schon zu und alle umliegenden Lokale auch, deswegen gab es gegen Hunger nur noch den wohl weltschlechtesten Döner (Bayerstraße, gegenüber dem Südausgang vom Hauptbahnhof). Liegt mir immer noch schwer im Magen. Halleluja.

Auch ärgerlich: Ich hatte wohl vergessen was Regen ist, sonst hätte ich noch irgendwie einen Mantel ins Gepäck gequetscht.


Ein Nachmittag in Kabul

Sonntag 14. Juni 2009

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Das ist der Blick aus dem Fenster des Hotels, in dem ich diese Nacht verbringen werde. Um rauszuschauen, muss ich mich auf das Bett stellen und strecken, denn vermutlich aus Sicherheitsgründen ist das Fenster recht klein und hoch, sodass niemand kann sehen, was der Zimmerbewohner so macht. Wie genau die Straße dort unten heißt, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich gerade in Kabul bin.

Ich habe lange überlegt, ob ich der Einladung folgen soll, die mich für einen halben Tag und eine Nacht mitten in ein Krisengebiet führt (wenn man westlichen Medien glaubt), aber nach einiger Recherche und Gesprächen, schien mir die afghanische Hauptstadt auch nicht wesentlich gefährlicher zu sein, als der Feierabendverkehr von Dubai. Schon im Flugzeug beruhigende Normalität: geschätzte 95 Prozent der Passagiere sind westlicher oder asiatischer Herkunft (junge Männer und alternde Männer, denen man trotz Bauchansatz einen militärischen Werdegang ansieht sind deutlich in der Überzahl, aber auch vereinzelte blonde, alleinreisende Frauen). Der Flug führt über gelb-beige-graue Gerölllandschaften, die manchmal aussehen, wie Farbkleckse auf nasser Seide, dann wie ein dichtes Geäst, dann wie zerrissenes Papier, ein Schwamm oder völlig undefinierbar. Erst kurz vor Kabul mischt sich auch etwas Grün in die Szenerie.kabul_02

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Aber ein wenig Nervös macht es schon, wenn man am gut bewachten Flughafen in den Transferbus einsteigt und noch ein Mann mit schusssicherer Weste auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Soll man sich nun sicher fühlen oder genau das Gegenteil davon.

Die Fahrt ins Hotel dauerte nur rund 20 Minuten und viel Gelegenheit zum Fotografieren war nicht. Aber auf mich wirkten die Bewohner Kabuls weder besonders nervös oder feindselig, sondern entspannt und lachend. Das Straßenleben ähnelt dem, das ich auch schon in Pakistan oder Nepal gesehen habe, aber auch aus den ländlichen Teilen der Vereinigten Arabischen Emirate kenne: viele schrullige kleine Läden, bei denen vermutlich selbst der Besitzer nicht so genau weiß, was er eigentlich verkauft: Lammhälften, Autoreifen, Töpfe oder Teppiche.

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Der Eingang zum Hotel ist mit Metalldetektoren ausgerüstet. Wer eine Waffe bei sich trägt, wird aufgefordert, diese am Eingang abzugeben. Im Erdgeschoss ist eine Mall mit Café, junge Afghanen sitzen hier, trinken Kaffee, surfen im Internet –  so wie wohl in jeder Großstadt auch.

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Das Landmark-Hotel ist neu und sauber, die Crews aller afghanischen Fluggesellschaften steigen hier ab, ebenso Diplomaten und Geschäftsleute. Mein Zimmer ist klein, man hört den Lärm der Mall sechs Etagen unter mir und Geräusche aus der Küche. Es gibt ein Restaurant, dessen Buffetangebot nur einen Hauch abwechslungsreicher ist als das einer gemischten libanesischen Fleischplatte, dafür aber gut gewürzt ist und auch ganz ordentlich schmeckt. Umwerfend lecker ist ein Dessert namens Firni, der irgendwie auf Milchbasis zu sein scheint.

Mittlerweile ist es 22 Uhr Ortszeit, im Hotel ist nichts mehr los, die Mall ist zu und ich werde den Ratschlägen folgen, nicht in der Dunkelheit nach draußen zu gehen. Da das Hotel „trocken“ ist, bleiben mir nur amerikanische Spielfilme im Fernsehen, weil ich den Gejaul-Singsang, der in den einheimischen TV-Sendern geboten wird, weder hören mag noch verstehe.

Morgen früh geht es weiter nach good ol’ Europe.


Zum Teufel mit der Technik

Mittwoch 10. Juni 2009

Nach Wochen verzweifelter Versuche,  wieder einen stabilen Internetzugang in der Wohnung einzurichten (Betonung auf stabil), habe ich es eben endlich geschafft. Ich beziehe meine Daten normalerweise über den Router meines Nachbarn (nennen wir ihn Nr. 1), was in den vergangenen Monaten einigermaßen gut geklappt hat. Anfangs konnte ich das Signal nur direkt an der Wand zu seiner Wohnung auffangen, was sich durch den Kauf eines Repeaters aber verbesserte, der die Signale verstärkt und in unsere Wohnung sendet. Nebenbei konnte dadurch auch der Mieter über uns versorgt werden. Nun lebt aber noch ein vierter Mieter im Haus, der als einziger aus unerklärlichen Gründen kein vernünftigen Zugang hatte und deswegen zurecht verzweifelte. Wie ich, und Nr. 1 braucht er das Internet beruflich und kann deshalb keinen Tag ohne. Nun ist Nr. 1 aber viel auf Reisen und kann sich deswegen kaum um solche Probleme kümmern. Mir war es ja fast egal. Neulich kam Nr. 1 zurück und behob das Problem, indem er einen moderneren Router kaufte und das gleiche drahtlose Netzwerk einrichtete, dabei allerdings ein neues Passwort vergab. Weil er es aber nicht für besonders nötig hielt, mich davon zu informieren, hatte ich eines Tagen überhaupt keinen Zugang mehr, denn dummerweise stellte sich (irgendwann unter Hinzuziehung eines IT-Fachmanns) heraus, dass der neue Router und mein Repeater nicht kompatibel waren, und der Nachbar auch keine Lust hatte, noch mehr Hardware anzuschaffen. Weil der gute Mann dann wieder stark beschäftigt  war, blieb mir zeitweilig nichts anderes übrig, als auf das Dach zu gehen und mich in das Netzwerk von Nachbar Nr. 4 einzuloggen, dessen Zugang mittlerweile einwandfrei funktionierte.   Nr. 1 hatte zwar ein zusätzliches Netzwerk mit einem älteren Router eingerichtet, mir davon aber natürlich nichts erzählt, bis ich ihn mal wieder zu fassen bekam. Immerhin konnte ich seitdem wieder vom Stehpult im Flur aus mit der digitalen Welt kommunizieren. Nur der Repeater blieb nicht ansprechbar (auch ein Firmware-update hatte kein Erfolg), obwohl er sich mit dem neuen Netzwerk verbinden konnte (was auch nicht immer der Fall war). Eben hatte ich die Idee, die Einstellungen des Repeaters wieder in ihren Urzustand zu versetzen. Nun klappts plötzlich und ich habe bessere Laune und kann endlich wieder vom Sofa aus schreiben.
Verwirrend das Ganze?
Finde ich auch.
Will aber nicht mehr weiter drüber nachdenken.