Traue keinem Einheimischen

Donnerstag 30. September 2010

Diese Phase der Renovierungsarbeiten in unserem neuen Heim konnte ich heute vorläufig beenden (Damit niemand auf falsche Gedanken kommt: das Gelb und das Rosa wurden mit Weiß überstrichen – nicht umgekehrt). Von der mehrtägigen Farbe-an-die-Wand-Aktion in allen möglichen Körperhaltungen von gebückt bis gestreckt habe ich Rückenschmerzen bekommen, man ist ja keine zwanzig mehr.

Um dem weiteren körperlichen Verfall etwas entgegenzuwirken, wollte ich mich endlich wieder sportlich betätigen. Dafür holte ich die Laufschuhe aus dem Koffer, packte mich einigermaßen warm und windfest ein und lief los. Durch das Dorf bis zum Ortsausgangsschild und dann auf dem Radweg dem nächsten Dorf entgegen. Nach kurzer Zeit verließ mich die Kondition und ich blieb vor einem Haus stehen, von dem aus ein asphaltierter Weg in Richtung Felder führte. Ein grauhaariger Mann mähte Rasen im Garten. Da ich keine Lust hatte, den gleichen Weg, den ich gekommen war, wieder zurückzulaufen, fragte ich den Mann, ob dieser Weg irgendwohin führen würde. Er antwortete sinngemäß, joo, da laufen se geradeaus, dann den Plattenweg entlang, dann links, durch den Wald, dann wieder links und dann kommen see hier wieder raus – und zeigte auf eine kleine Schotterpiste die links vom asphaltierten Weg abging. Eigentlich war ich ja schon nicht mehr frisch, aber der Wind, die Sonne, das Grün motivierten mich zu einer kleinen Extratour.

Also lief ich. Geradeaus an Feldern vorbei, dann auf dem Plattenweg, auf dem erst vor kurzem ein Traktor viel Matschboden verteilt hatte. Dann links, in den Wald. Dann durch den Wald, ich hatte schon ganz vergessen, wie schön es sein kann, zwischen hohen Bäumen zu stehen und morsche Äste unter dem eigenen Gewicht knacken zu hören. Dann hörte der Weg auf und wurde zu einem Trampelpfad. Dann endete auch der Pfad. Und ich stand im Wald. Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass auf die Angaben von Eingeborenen Einheimischen nicht unbedingt Verlass ist. Aber nun war es zu spät. Ich ging weiter durch den Wald in die ungefähre Richtung zurück zur Landstraße. Interessanterweise taten sich immer neue Pfade und Traktorspuren auf, die aus verschiedenen Richtungen kamen, aber in meinem Fall immer recht schnell endeten. Ich frage mich auch, wer zum Teufel mitten in den Wald eine kleine Holzbrücke über einen ausgetrockneten Graben baut, der mit einem großen Schritt überquert ist.

Irgendwann ging es dann nicht mehr weiter, weil ich zwar am Ende des Waldes angekommen war, aber vor einer eingezäunten Koppel stand, auf der einige Rindviecher grasten. Dort rüberzumarschieren kann gutgehen, muss aber nicht. Ich ging also den ganzen Weg zurück, über die Brücke, durch den Wald wieder auf den Plattenweg. Für ein oder zwei Minuten fing ich wieder an zu laufen, entschied mich aber dann für den langsameren Jogging-Spaziergang, also vielleicht eher schnelleres Gehen.

Der Mann war nicht mehr in seinem Garten, als ich die Hauptstraße erreichte. Hat er aber Glück gehabt.


Muss ich mich auch erst wieder daran gewöhnen

Samstag 25. September 2010

… dass Geschäfte samstags schon ab Mittag schließen und sonntags gar nicht geöffnet sind.

… dass man vom Wohnzimmeranstreichen einen veritablen Muskelkater bekommen kann.

Nachtrag: Im „Nächstgrößeren Dorf“, so erfuhr ich heute, hat ein Supermarkt samstags sogar bis 22 Uhr geöffnet. Außerdem gibt es in den nächsten Wochen mehrere verkaufsoffene Sonntage in Flensburg und Schleswig. Und:  Im Grenzgebiet zu Dänemark  herrscht eine erweiterte Regelung zum „Sonntags einkaufen“, so dass hier die Geschäfte sonntags von 11 bis 23 Uhr geöffnet haben dürfen.
Ist also doch alles fast wie in Dubai.

Nachtrag 2: So ging hier heute die Sonne unter:


Schöne neue Welt

Dienstag 21. September 2010

Erster Tag des Provinzblog Weltblog  in der neuen Heimat. Nach einer durchflogenen Nacht sind wir heil und zufrieden in Hamburg gelandet. Von „ausgeschlafen“ konnte trotz Business Class zumindest bei mir nicht die Rede sein, denn die Katze wehrte sich während des Fluges nach Deutschland kratzend und beißend gegen das Eingesperrtsein, hatte sogar fast einen erfolgreichen Ausbruchsversuch. Hier erkennt man noch ganz gut ihren Unmut über diese Behandlung.

Nach der Landung in Frankfurt war sie dann so müde, dass sie den Weiterflug schlafend verbracht hat. Am nächsten Tag ging es im Auto Richtung Norden. In ein kleines Dorf in Angeln, so wird die Gegend im Dreieck zwischen Flensburg, Kappeln und Schleswig genannt. Folglich heißen die Bewohner der Region Angeliter. Manche würden spotten, dass Herr A. nun endgültig in der Provinz angekommen sei, nachdem Dubai ja nun auch nicht gerade in die Riege der Weltmetropolen gehöre. Man könnte aber auch sagen, Herr A. lebt in einer schönen, ruhigen Gegend zwischen Schlei und Flensburger Förde. Den genauen Namen verrate ich nicht. Nennen wir es einfach künftig „Das Dorf“.

Als ich vergangene Woche auf das Dach unserer Wohnung in Dubai stieg, konnte ich noch die Skyline samt Burj Khalifa sehen. Seit dem heutigen Morgenkaffee bietet sich mir ein völlig anderes Bild. Keine Hochhäuser zwar, aber wie ich finde, ein beruhigende Aussicht. Kann man nicht sogar sehen, wie viel besser die Luft hier draußen ist? Der Himmel ist tatsächlich blau, wenn keine Wolken stehen, und man spürt geradezu den frischen Wind, der hier weht. Falls jemand ihn nicht sehen sollte: er weht. Und zwar ordentlich. Und nicht zu warm.

Lotte interessierte das alles heute morgen noch nicht.

Mental scheine ich Dubai aber noch nicht völlig hinter mir gelassen zu haben. Heute morgen mussten wir eine Weile hinter einem orangen Tanklaster herschleichen, weil die Landstraße in jede Richtung  nur eine Fahrspur hatte (ich bin mir nicht sicher, ob es in dieser Gegend außerhalb der Städte überhaupt breitere Straßen gibt) und hinter jeder Kurve sofort die nächste begann. Zunächst fragte ich mich, warum an diesem Laster keine bunten Metallketten herunterhingen, die doch bei den pakistanischen Fahrern immer die bösen Geister vertreiben sollen. Dann fiel mir auf, dass die Reifen völlig in Ordnung zu sein schienen und die Karkasse noch nicht zu sehen war. Außerdem waren die Schläuche auf dem Wagen ordentlich zusammengerollt –  dieser Laster war offensichtlich nicht unterwegs, um Abwässer in die Kläranlage gleich hinter International City zu bringen….

Man kann von der Provinz an der dänischen Grenze halten, was man möchte. Aber dumm sind die Leute nicht. Anderswo versuchen Gemeinden, Städte und Landkreise mit viel Aufwand Unternehmen aus einer Branche anzusiedeln, die dann sogenannte Cluster darstellen sollen. Damit sollen dann weitere Unternehmen angelockt werden, die sich Synergie- und Innovationsvorteile davon versprechen. Bekannte Beispiele sind etwa das Silicon Valley in Kalifornien oder aber im regionalen Maßstab der Mikrotechnologie-Cluster in Itzehoe sowie die Netzwerkagentur für Windenergie. Ganz so weit ist man in Steinbergkirche noch nicht. Aber die örtliche Bündelung zweier privater Unternehmen mit einer staatlichen Einrichtung bietet vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten.

Ich bin zwar schon einige Male in der neuen Heimat gewesen, kenne mich aber nicht so gut aus, wie Frau A., die hier wesentliche Teile ihrer Kindheit verbrachte. Um in die nächstgrößere Stadt Gemeinde zu gelangen, müssen wir über einen unbeschrankten Bahnübergang fahren. Selbstverständlich fahre ich immer vorsichtig und näherte mich auch diesmal mit verringerter Geschwindigkeit dem Gleis. Dennoch warnte mich Frau A.: „Hier kommen manchmal Züge vorbei.“
Ich: „Wie oft?“
Sie: „Ein mal am Tag.“
Ich: „Wann?“
Sie: „Das wechselt.“
Ich: „Das nennt man wohl Angeliter Roulette.“


Schon fertig?

Donnerstag 16. September 2010

Möbel gepackt, Wohnungsschlüssel abgegeben, Jobs gekündigt, Visa gecancelt, Bankkonto aufgelöst, Katze exportfähig gemacht, von allen Freunden verabschiedet, Rückreise organisiert … und noch ein paar Dinge mehr.

Nichts ist schiefgelaufen.

Und es ist sogar noch ein halber Werktag übrig.

Ich bin erstaunt.

Nachtrag, 18.9.2010: Zu früh gefreut. Hätte ich mir doch denken können, dass irgendetwas schiefläuft. Nachdem ich meine Konten aufgelöst und alle Karten vernichtet hatte, musste ich  noch  den Fehlbetrag von 2,45 Dirham auf meinem Kreditkartenkonto mit einer Bareinzahlung ausgeglichen. Ich reichte dem Mann an der Kasse 3 Dirham und dachte, damit sei die Sache erledigt. Gestern habe ich mich spaßeshalber noch einmal eingeloggt, und siehe da. Das Konto, auf das ich jetzt keinerlei Zugriff mehr habe, weist ein Guthaben von 0,55 Dirham auf. Es existiert also noch und wird bestimmt irgendwann auch Kontoführungsgebühren erzeugen. Wo die dann abgebucht werden sollen, weiß ich aber auch nicht. Ist mir auch egal.


Über Integration

Mittwoch 15. September 2010

Eine der interessantesten Erfahrungen der letzten dreieinhalb Jahre war es, zu erleben, wie man sich als Ausländer fühlt. Wer nur als Einheimischer in seinem Heimatland gelebt hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, sich in eine fremde Gesellschaft integrieren zu müssen. Und sollte sich vielleicht auch nicht an Debatten über Integration beteiligen oder gar über die Behandlung von Ausländern entscheiden.

Ich will die Situation einmal vereinfacht darstellen: Frau und Herr A. haben beide studiert und sind wegen der guten Arbeitsbedingungen nach Dubai gegangen. Die interkulturelle und mentale Vorbereitung auf die neue Heimat fiel nicht nur wegen der knappen Zeit recht oberflächlich aus. Und dann haben wir noch das fiktive Paar Ahmed und Eyscha  Y. aus Anatolien, die ihre Existenz als Bauern aufgaben um  in Deutschland ihr Glück versuchen, und den stereotypischen Migranten darstellen, der sich doch gefälligst 1a mit Sahnehäubchen in die neue Gesellschaft integrieren möge.  Was unterscheidet Herr und Frau A. von Herr und Frau Y.? Eigentlich nur, dass wir mehr Geld,  Bildung und eine größere geistige Flexibilität haben.

Zu Beginn des Dubai-Aufenthalts war das Interesse und der Wille vorhanden, sich mit der lokalen Kultur und Sprache auseinanderzusetzen: Wir haben Ratgeber gelesen und auch einen Arabisch-Sprachkure besucht. Wir fanden, es gehöre zum Respekt gegenüber der neuen Heimat dazu, dass man zumindest einen Grundwortschatz in der Landessprache beherrscht. Das sehe ich immer noch so. Das Interesse an der lokalen Kultur hat aber recht schnell nachgelassen. Nicht nur, weil sie in Dubai so schwer zu finden ist und nur von einer kleinen Minderheit gelebt wird. Auch die teilweise dramatischen Unterschiede zum bisher als recht brauchbar empfundenen Wertesystem, der im großen und ganzen fairen Gesetzgebung und den gewohnten gesellschaftlichen Umgangsformen können einen leicht überfordern, zumindest aber immer wieder frustrieren.

Die lokale Mentalität würde ich als stark „ichbezogen“ charakterisieren. Geduldiges Warten ist nur manchen Ausländern bekannt, ansonsten wird hier vorgedrängelt wo nur irgendwie möglich (wobei ich zugeben muss, dass die Zustände auf den Straßen von Kairo und den Warteschlangen in indischen Bahnhöfen schlimmer sind). Das Rechtssystem ist selbst für Anwälte undurchschaubar und nicht immer gerecht. Mir fehlt die intimere Kenntnis, um das auszuführen, aber so wie ich das verstehe gibt es ein Zivilrecht, welches den im Westen bekannten Grundzügen folgt, und Bereiche, in denen Sharia-Recht angewandt wird. Diesen Teil der Gesetze kann ich beispielsweise oft nicht nachvollziehen. Neulich wurde gegen einen Mann wegen versuchter Vergewaltigung einer Minderjährigen verhandelt. Die Klägerin, ein 14-jähriges Mädchen, war aber auch selber auf der Anklagebank, weil sie außerehelichen Verkehr gehabt haben soll – ebenfalls strafbar.  Da finde ich es schon belustigend, dass um einen Ehebruch zu bezeugen, entweder ein Mann oder vier Frauen nötig sind. Mal abgesehen davon, dass sowas selten im Schaufenster stattfindet – wieso die unterschiedliche Anzahl an Zeugen? Aber ich schweife ab. Wer es gewohnt ist, auf Umwelt- und Tierschutz zu achten, der wird über die örtlichen Verhaltensweisen schlicht entsetzt sein. Die anderen Rollenverständnisse von Mann und Frau, die Kleidung, die deutlich konservativeren Sitten, was man in der Öffentlichkeit tun und anziehen darf und was nicht –  das erschien mir von Anfang an fremd, unverständlich und sehr oft auch unsinnig. Und was macht man, wenn man Regeln für unsinnig hält? Genau: Man ignoriert sie und  verhält sich so wie man es gewohnt ist und für vernünftiger hält.

Das machen Herrn und Frau A. in Dubai so, wie ungefähr 80 Prozent aller anderen Gäste, die ihre eigenen Vorstellungen von Lifestyle ausleben. Das machen aber auch Herr und Frau Y.  in Deutschland so, wenn sie entsetzt sind über die freizügige Kleidung der jungen Mädchen, in der sie ihre eigene Tochter bestimmt nicht sehen wollen. Herr und Frau A. denken in ihrer neuen Heimat  schließlich auch nicht daran, ständig ihre Arme und Beine zu verdecken. Und warum sollen die Y.s sich plötzlich zwischen 13 und 15 Uhr eine Mittagsruhe einhalten und  nach 22 Uhr absolut mucksmäuschenstill in ihrer Wohnung hocken, bloß weil ein Nachbar empfindliche Ohren haben könnte. Und überhaupt: warum wird in Deutschland gleich alles sofort zur Polizei und anderen Staatsorganen getragen? Diese lassen in Deutschland nicht mit sich reden, sondern zeigen nur stur auf Gesetze und Verordnungen. Herr und Frau A. zeigen ja nicht einmal Verständnis dafür, wenn ihr arabischer Nachbar um zwei Uhr Nachts noch Löcher in die Wand bohrt und klingeln wegen so einer Lappalie gleich nebenan an der Tür – ja wissen die denn nicht, dass es tagsüber zu heiß ist zum Arbeiten?

Arabisch haben sie auch nicht wirklich gelernt, kommen sie doch mit Englisch in Dubai viel besser voran. Tja, und wo Herr und Frau A. gerne mal ein Glas Bier trinken oder sich auf den Genuss von  etwas Schweinespeck freuen, bevorzugen Herr und Frau Y.  halt ihre gewohnten Speisen, lesen türkische Zeitungen  und schauen türkische Satellitensender. Ihr Freundeskreis denkt wie sie und man versteht einander. Nämlich, dass die Bewohner der neuen Heimat oft merkwürdig sind und  unfreundlich. Warum soll man da noch Wissen über Gesetze oder gar Geschichte des Landes ansammeln, wenn die Einheimischen bei einem Test auch durchfallen würden. Und fragen Sie mal den Herrn A., wieviel er über die Historie der VAE weiß. Nur ein kleines bisschen. Und das ist sehr viel mehr als die meisten anderen Expats wissen.

Ich schweife schon wieder ab.

In Deutschland wird man für einen umweltschonenden Kleinwagen gelobt, in Dubai von den Kollegen dafür mitleidig  angeschaut. In einem Land bedeutet 10 Uhr genau 10 Uhr, im anderen Land vielleicht an diesem Tag, aber nur, wenn man drei mal vorher den Termin bestätigt hat. In dem einen Land soll man seine Ehre nicht selbst verteidigen, sondern zur Polizei gehen, die man aus der Heimat nur als unzuverlässig und korrupt kennt. In dem anderen Land zeigen die Behörden wenig Interesse an den Problemen der Zugereisten – sollen die ihren Ärger mit Vermietern, Nachbarn, Geschäftspartnern oder Arbeitgebern doch selbst ausdiskutieren und lösen.

Zwischenbilanz: Die Sache mit der Integration in eine andere Gesellschaft ist nicht immer ganz leicht.

Dabei sind die Deutschen noch in einer sehr komfortablen Situation. Der Emirati gilt als ein sehr scheues Wesen – wer mag es ihm verdenken, wenn er doch nur rund 15 Prozent der Bevölkerung bildet und sich fühlen muss wie die amerikanischen Ureinwohner in ihren winzigen Reservaten. Sie dürfen sich zurecht vor Überfremdung fürchten, wenn sie die einzigen Einheimischen in einem Supermarkt sind oder zumindest genervt sein davon, wenn sich die Gastarbeiter mal wieder unmöglich benehmen, halb nackt durch die Einkaufszentren laufen, besoffen am Strand rumknutschen und die ganze Stadt mit Gebäuden, Produkten und einem Lebensstil (nicht nur einem westlichen übrigens, auch einem viel stärker ausgeprägtem indisch-pakistanisch-südostasiatischem)  überziehen, der so überhaupt nicht arabisch ist.

Mir persönlich war der Lebensstil in den VAE immer zu „anders“. Einerseits zu eingeschränkt was persönliche Freiheiten und Rechte betrifft. Erträglich wurde es nur durch die Tatsache, dass man viele Sitten einfach ignoriert. Machen alle so. Andererseits ist mir Dubai auch zu (amerikanisch?) dekadent, etwa was die Größe von Autos, Häusern und Einkaufszentren betrifft. Ich empfinde das als Ressourcenverschwendung. Dieser Lifestyle entspricht nicht meinen Wertvorstellungen und ich wollte diese auch nicht verändern. Das geht Herrn und Frau Y. genauso. Nur mit dem gewichtigen Unterschied, dass ich mich nicht anpassen WILL. Andere sind intellektuell schlicht nicht in der Lage sich zu integrieren. Außerdem ist es für uns leichter, wieder ins Heimatland zurückzukehren.

Haben die Sarazine und Deutschland-den-Deutschen-Rufern deswegen Recht, sind bestimmte Nationalitäten nicht integrierbar und sollte man sie deswegen rausschmeißen? Ein klares Nein. Es sollte aber aus meiner Sicht an zwei Stellschrauben gedreht werden:  Wenn man sich längere Zeit im Ausland niederlassen will, sollte man sich intensiv über die dortige Gesellschaft informieren (und: von Gastgeberland informiert werden) und überlegen, ob man damit zurecht kommt. Das ist schon leichter geschrieben als umgesetzt. Die andere Stellschraube betrifft die Gastgeber. Wenn man in Dubai darüber klagt, wie merkwürdig das Leben hier manchmal sei, dann lautet eine beliebte Antwort: „If you don’t like it, leave it“ (Also: Wenn es dir hier nicht gefällt, dann verschwinde). Besser wäre aber, die Stadt und das Leben so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen hier gerne leben. Das erfordert Offenheit, Freiheit und Transparenz. Aber auch Toleranz auf Seiten der Einheimischen (auf Seiten der Migranten sowieso) und Verständnis dafür, dass die „Neuen“ nicht immer sofort alles verstehen und nicht mögen, was sie in Deutschland vorfinden. Aber mit der Zeit werden sie es lernen und sich daran gewöhnen. War nach 1989 übrigens auch so. Nur viel leichter.


Schluss mit Dubai

Sonntag 5. September 2010

Noch eine Woche, dann ist auch dieser Fastenmonat geschafft. In den letzten drei Wochen war die tägliche Nachrungsaufnahme nur eingeschränkt möglich, da den Fastenden ihr Tun erleichtert wurde, indem fast alle Restaurants und Cafés bis zum Sonnenuntergang geschlossen bleiben. Man muss also in den Supermarkt gehen und anschließend selber kochen. Oder die wenigen Anlaufstellen kennen, in denen man etwas mitnehmen kann oder sogar wie gewohnt sitzen darf. Das sind meistens Restaurants, die zu einem Hotel gehören. Damit sollen wohl die unschuldigen Touristen nicht noch weiter erschreckt werden, denn während des Ramadans haben viele Läden nur eingeschränkte Öffnungszeiten. Auch die Malls sind tagsüber deutlich leerer als sonst.

Während ich diesen EIntrag schreibe, sitze ich übriges im „More Cafe“ im Murooj Rotana Hotel und kümmere mich nicht im geringsten ums Fasten. Bekanntlich dürfen Muslime an diesen Tagen nichts, aber auch garnicht durch den Mund in den Körper führen, also weder essen oder trinken. Auch rauchen ist verboten, solange die Sonne noch scheint. Aber auch nicht-Muslime sind angehalten, dies nicht in der Öffentlichkeit tun, was immer wieder merkwürdige Folgen hat.

So ist beispielsweise der Food Court in der Dubai Internet City nicht geschlossen, sonst müssten ja alle Beschäftigten jeden Tag hungrig ins Büro. Hinter dem Eingang stehen spanische Wände, die den Blick auf das sündige Treiben verhindern – aber wehe jemand will sich draußen eine Zigarette danach anstecken.

Sogar die hochschwangere Frau A. musste sich im Wartezimmer ihres Arztes auf der Toilette „verstecken“, um einen Becher Wasser zu trinken. Noch schöner war aber der Einkaufsbummel neulich, wo einige Süßigkeiten im Pralinenladen eingekauft werden mussten. Auf die Frage „Darf ich mal probieren“ erhielt Frau A. zunächst nur ein ungläubig-verlegenes Lächeln des Verkäufers. Natürlich geht das nicht während Ramadan.

Aber das ist alles eigentlich halb so schlimm. Denn mit ein wenig Planung muss man sich in Dubai nur kaum merklich einschränken, wenn man nicht fastet. Soweit ich weiß, sind in den überwiegend muslimischen Ländern Asiens die Restarants tagsüber ganz normal geöffnet. Scheint so, dass die dortigen Glaubensbrüder und -schwestern nicht so leicht von ihrem Willen abgebracht werden können.

Aber ich wollte ja was ganz anderes schreiben.

Die Nachwirkungen unserer Abschiedsfeier haben fast einen ganzen Tag angehalten. Noch gestern Abend fühlten meine Leber und ich noch die Auswirkungen des flüssigen Fastenbrechens.

Ja. Abschied.

Frau A. und ich haben schon vor einiger Zeit beschlossen, dass der kleine Herr A. in Hamburg zur Welt kommen soll und in Deutschland aufwachsen soll. Zumindest wollen seine Eltern mal wieder ein Jahr dort leben. Deswegen ist in knapp drei Wochen Schluss mit Dubai. Mehr als dreieinhalb Jahre Wüste mit Hochhäusern sind nun auch mehr als genug, finde ich.

Die genauen Details unseres nächsten Ziels werde ich noch nicht verraten, denn ich bin mir nicht ganz sicher, ob in diesem Blog künftig mehr Baby-Content gepostet wird oder ob ich nicht vielleicht doch über das Landleben an der Ostseeküste bloggen soll. Wenn ich aus dem „Weltblog“ ein „Provinzblog“ mache, ist es wohl besser, meinen Wohnort nicht sooo genau zu beschreiben.

Was wäre denn für die Leser interessanter?


Ist es wirklich schon so spät?

Freitag 3. September 2010

Noch rund 2 Monate und zwei Wochen bis zur Ankunft des kleinen Herr A.

Noch 16 Tage bis zum Abflug

Noch 10 Tage bis die Möbelpacker kommen

Noch 30 Minuten bis zur Abschiedparty

Ich bin gerade ziemlich aufgewühlt!