Über Integration

Eine der interessantesten Erfahrungen der letzten dreieinhalb Jahre war es, zu erleben, wie man sich als Ausländer fühlt. Wer nur als Einheimischer in seinem Heimatland gelebt hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, sich in eine fremde Gesellschaft integrieren zu müssen. Und sollte sich vielleicht auch nicht an Debatten über Integration beteiligen oder gar über die Behandlung von Ausländern entscheiden.

Ich will die Situation einmal vereinfacht darstellen: Frau und Herr A. haben beide studiert und sind wegen der guten Arbeitsbedingungen nach Dubai gegangen. Die interkulturelle und mentale Vorbereitung auf die neue Heimat fiel nicht nur wegen der knappen Zeit recht oberflächlich aus. Und dann haben wir noch das fiktive Paar Ahmed und Eyscha  Y. aus Anatolien, die ihre Existenz als Bauern aufgaben um  in Deutschland ihr Glück versuchen, und den stereotypischen Migranten darstellen, der sich doch gefälligst 1a mit Sahnehäubchen in die neue Gesellschaft integrieren möge.  Was unterscheidet Herr und Frau A. von Herr und Frau Y.? Eigentlich nur, dass wir mehr Geld,  Bildung und eine größere geistige Flexibilität haben.

Zu Beginn des Dubai-Aufenthalts war das Interesse und der Wille vorhanden, sich mit der lokalen Kultur und Sprache auseinanderzusetzen: Wir haben Ratgeber gelesen und auch einen Arabisch-Sprachkure besucht. Wir fanden, es gehöre zum Respekt gegenüber der neuen Heimat dazu, dass man zumindest einen Grundwortschatz in der Landessprache beherrscht. Das sehe ich immer noch so. Das Interesse an der lokalen Kultur hat aber recht schnell nachgelassen. Nicht nur, weil sie in Dubai so schwer zu finden ist und nur von einer kleinen Minderheit gelebt wird. Auch die teilweise dramatischen Unterschiede zum bisher als recht brauchbar empfundenen Wertesystem, der im großen und ganzen fairen Gesetzgebung und den gewohnten gesellschaftlichen Umgangsformen können einen leicht überfordern, zumindest aber immer wieder frustrieren.

Die lokale Mentalität würde ich als stark „ichbezogen“ charakterisieren. Geduldiges Warten ist nur manchen Ausländern bekannt, ansonsten wird hier vorgedrängelt wo nur irgendwie möglich (wobei ich zugeben muss, dass die Zustände auf den Straßen von Kairo und den Warteschlangen in indischen Bahnhöfen schlimmer sind). Das Rechtssystem ist selbst für Anwälte undurchschaubar und nicht immer gerecht. Mir fehlt die intimere Kenntnis, um das auszuführen, aber so wie ich das verstehe gibt es ein Zivilrecht, welches den im Westen bekannten Grundzügen folgt, und Bereiche, in denen Sharia-Recht angewandt wird. Diesen Teil der Gesetze kann ich beispielsweise oft nicht nachvollziehen. Neulich wurde gegen einen Mann wegen versuchter Vergewaltigung einer Minderjährigen verhandelt. Die Klägerin, ein 14-jähriges Mädchen, war aber auch selber auf der Anklagebank, weil sie außerehelichen Verkehr gehabt haben soll – ebenfalls strafbar.  Da finde ich es schon belustigend, dass um einen Ehebruch zu bezeugen, entweder ein Mann oder vier Frauen nötig sind. Mal abgesehen davon, dass sowas selten im Schaufenster stattfindet – wieso die unterschiedliche Anzahl an Zeugen? Aber ich schweife ab. Wer es gewohnt ist, auf Umwelt- und Tierschutz zu achten, der wird über die örtlichen Verhaltensweisen schlicht entsetzt sein. Die anderen Rollenverständnisse von Mann und Frau, die Kleidung, die deutlich konservativeren Sitten, was man in der Öffentlichkeit tun und anziehen darf und was nicht –  das erschien mir von Anfang an fremd, unverständlich und sehr oft auch unsinnig. Und was macht man, wenn man Regeln für unsinnig hält? Genau: Man ignoriert sie und  verhält sich so wie man es gewohnt ist und für vernünftiger hält.

Das machen Herrn und Frau A. in Dubai so, wie ungefähr 80 Prozent aller anderen Gäste, die ihre eigenen Vorstellungen von Lifestyle ausleben. Das machen aber auch Herr und Frau Y.  in Deutschland so, wenn sie entsetzt sind über die freizügige Kleidung der jungen Mädchen, in der sie ihre eigene Tochter bestimmt nicht sehen wollen. Herr und Frau A. denken in ihrer neuen Heimat  schließlich auch nicht daran, ständig ihre Arme und Beine zu verdecken. Und warum sollen die Y.s sich plötzlich zwischen 13 und 15 Uhr eine Mittagsruhe einhalten und  nach 22 Uhr absolut mucksmäuschenstill in ihrer Wohnung hocken, bloß weil ein Nachbar empfindliche Ohren haben könnte. Und überhaupt: warum wird in Deutschland gleich alles sofort zur Polizei und anderen Staatsorganen getragen? Diese lassen in Deutschland nicht mit sich reden, sondern zeigen nur stur auf Gesetze und Verordnungen. Herr und Frau A. zeigen ja nicht einmal Verständnis dafür, wenn ihr arabischer Nachbar um zwei Uhr Nachts noch Löcher in die Wand bohrt und klingeln wegen so einer Lappalie gleich nebenan an der Tür – ja wissen die denn nicht, dass es tagsüber zu heiß ist zum Arbeiten?

Arabisch haben sie auch nicht wirklich gelernt, kommen sie doch mit Englisch in Dubai viel besser voran. Tja, und wo Herr und Frau A. gerne mal ein Glas Bier trinken oder sich auf den Genuss von  etwas Schweinespeck freuen, bevorzugen Herr und Frau Y.  halt ihre gewohnten Speisen, lesen türkische Zeitungen  und schauen türkische Satellitensender. Ihr Freundeskreis denkt wie sie und man versteht einander. Nämlich, dass die Bewohner der neuen Heimat oft merkwürdig sind und  unfreundlich. Warum soll man da noch Wissen über Gesetze oder gar Geschichte des Landes ansammeln, wenn die Einheimischen bei einem Test auch durchfallen würden. Und fragen Sie mal den Herrn A., wieviel er über die Historie der VAE weiß. Nur ein kleines bisschen. Und das ist sehr viel mehr als die meisten anderen Expats wissen.

Ich schweife schon wieder ab.

In Deutschland wird man für einen umweltschonenden Kleinwagen gelobt, in Dubai von den Kollegen dafür mitleidig  angeschaut. In einem Land bedeutet 10 Uhr genau 10 Uhr, im anderen Land vielleicht an diesem Tag, aber nur, wenn man drei mal vorher den Termin bestätigt hat. In dem einen Land soll man seine Ehre nicht selbst verteidigen, sondern zur Polizei gehen, die man aus der Heimat nur als unzuverlässig und korrupt kennt. In dem anderen Land zeigen die Behörden wenig Interesse an den Problemen der Zugereisten – sollen die ihren Ärger mit Vermietern, Nachbarn, Geschäftspartnern oder Arbeitgebern doch selbst ausdiskutieren und lösen.

Zwischenbilanz: Die Sache mit der Integration in eine andere Gesellschaft ist nicht immer ganz leicht.

Dabei sind die Deutschen noch in einer sehr komfortablen Situation. Der Emirati gilt als ein sehr scheues Wesen – wer mag es ihm verdenken, wenn er doch nur rund 15 Prozent der Bevölkerung bildet und sich fühlen muss wie die amerikanischen Ureinwohner in ihren winzigen Reservaten. Sie dürfen sich zurecht vor Überfremdung fürchten, wenn sie die einzigen Einheimischen in einem Supermarkt sind oder zumindest genervt sein davon, wenn sich die Gastarbeiter mal wieder unmöglich benehmen, halb nackt durch die Einkaufszentren laufen, besoffen am Strand rumknutschen und die ganze Stadt mit Gebäuden, Produkten und einem Lebensstil (nicht nur einem westlichen übrigens, auch einem viel stärker ausgeprägtem indisch-pakistanisch-südostasiatischem)  überziehen, der so überhaupt nicht arabisch ist.

Mir persönlich war der Lebensstil in den VAE immer zu „anders“. Einerseits zu eingeschränkt was persönliche Freiheiten und Rechte betrifft. Erträglich wurde es nur durch die Tatsache, dass man viele Sitten einfach ignoriert. Machen alle so. Andererseits ist mir Dubai auch zu (amerikanisch?) dekadent, etwa was die Größe von Autos, Häusern und Einkaufszentren betrifft. Ich empfinde das als Ressourcenverschwendung. Dieser Lifestyle entspricht nicht meinen Wertvorstellungen und ich wollte diese auch nicht verändern. Das geht Herrn und Frau Y. genauso. Nur mit dem gewichtigen Unterschied, dass ich mich nicht anpassen WILL. Andere sind intellektuell schlicht nicht in der Lage sich zu integrieren. Außerdem ist es für uns leichter, wieder ins Heimatland zurückzukehren.

Haben die Sarazine und Deutschland-den-Deutschen-Rufern deswegen Recht, sind bestimmte Nationalitäten nicht integrierbar und sollte man sie deswegen rausschmeißen? Ein klares Nein. Es sollte aber aus meiner Sicht an zwei Stellschrauben gedreht werden:  Wenn man sich längere Zeit im Ausland niederlassen will, sollte man sich intensiv über die dortige Gesellschaft informieren (und: von Gastgeberland informiert werden) und überlegen, ob man damit zurecht kommt. Das ist schon leichter geschrieben als umgesetzt. Die andere Stellschraube betrifft die Gastgeber. Wenn man in Dubai darüber klagt, wie merkwürdig das Leben hier manchmal sei, dann lautet eine beliebte Antwort: „If you don’t like it, leave it“ (Also: Wenn es dir hier nicht gefällt, dann verschwinde). Besser wäre aber, die Stadt und das Leben so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen hier gerne leben. Das erfordert Offenheit, Freiheit und Transparenz. Aber auch Toleranz auf Seiten der Einheimischen (auf Seiten der Migranten sowieso) und Verständnis dafür, dass die „Neuen“ nicht immer sofort alles verstehen und nicht mögen, was sie in Deutschland vorfinden. Aber mit der Zeit werden sie es lernen und sich daran gewöhnen. War nach 1989 übrigens auch so. Nur viel leichter.

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2 Responses to Über Integration

  1. […] Toller Artikel zu dem Thema. Guckst du hier. Veröffentlicht […]

  2. […] ist ein Artikel aus dem Weltblog, der sich ganz herausragend und verständnisvoll mit dem Thema Integration auseinandersetzt. Frau A. und Herr A. lebten eine ganze Weile in Dubai und haben sich auf […]

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