Schöne neue Welt

Erster Tag des Provinzblog Weltblog  in der neuen Heimat. Nach einer durchflogenen Nacht sind wir heil und zufrieden in Hamburg gelandet. Von „ausgeschlafen“ konnte trotz Business Class zumindest bei mir nicht die Rede sein, denn die Katze wehrte sich während des Fluges nach Deutschland kratzend und beißend gegen das Eingesperrtsein, hatte sogar fast einen erfolgreichen Ausbruchsversuch. Hier erkennt man noch ganz gut ihren Unmut über diese Behandlung.

Nach der Landung in Frankfurt war sie dann so müde, dass sie den Weiterflug schlafend verbracht hat. Am nächsten Tag ging es im Auto Richtung Norden. In ein kleines Dorf in Angeln, so wird die Gegend im Dreieck zwischen Flensburg, Kappeln und Schleswig genannt. Folglich heißen die Bewohner der Region Angeliter. Manche würden spotten, dass Herr A. nun endgültig in der Provinz angekommen sei, nachdem Dubai ja nun auch nicht gerade in die Riege der Weltmetropolen gehöre. Man könnte aber auch sagen, Herr A. lebt in einer schönen, ruhigen Gegend zwischen Schlei und Flensburger Förde. Den genauen Namen verrate ich nicht. Nennen wir es einfach künftig „Das Dorf“.

Als ich vergangene Woche auf das Dach unserer Wohnung in Dubai stieg, konnte ich noch die Skyline samt Burj Khalifa sehen. Seit dem heutigen Morgenkaffee bietet sich mir ein völlig anderes Bild. Keine Hochhäuser zwar, aber wie ich finde, ein beruhigende Aussicht. Kann man nicht sogar sehen, wie viel besser die Luft hier draußen ist? Der Himmel ist tatsächlich blau, wenn keine Wolken stehen, und man spürt geradezu den frischen Wind, der hier weht. Falls jemand ihn nicht sehen sollte: er weht. Und zwar ordentlich. Und nicht zu warm.

Lotte interessierte das alles heute morgen noch nicht.

Mental scheine ich Dubai aber noch nicht völlig hinter mir gelassen zu haben. Heute morgen mussten wir eine Weile hinter einem orangen Tanklaster herschleichen, weil die Landstraße in jede Richtung  nur eine Fahrspur hatte (ich bin mir nicht sicher, ob es in dieser Gegend außerhalb der Städte überhaupt breitere Straßen gibt) und hinter jeder Kurve sofort die nächste begann. Zunächst fragte ich mich, warum an diesem Laster keine bunten Metallketten herunterhingen, die doch bei den pakistanischen Fahrern immer die bösen Geister vertreiben sollen. Dann fiel mir auf, dass die Reifen völlig in Ordnung zu sein schienen und die Karkasse noch nicht zu sehen war. Außerdem waren die Schläuche auf dem Wagen ordentlich zusammengerollt –  dieser Laster war offensichtlich nicht unterwegs, um Abwässer in die Kläranlage gleich hinter International City zu bringen….

Man kann von der Provinz an der dänischen Grenze halten, was man möchte. Aber dumm sind die Leute nicht. Anderswo versuchen Gemeinden, Städte und Landkreise mit viel Aufwand Unternehmen aus einer Branche anzusiedeln, die dann sogenannte Cluster darstellen sollen. Damit sollen dann weitere Unternehmen angelockt werden, die sich Synergie- und Innovationsvorteile davon versprechen. Bekannte Beispiele sind etwa das Silicon Valley in Kalifornien oder aber im regionalen Maßstab der Mikrotechnologie-Cluster in Itzehoe sowie die Netzwerkagentur für Windenergie. Ganz so weit ist man in Steinbergkirche noch nicht. Aber die örtliche Bündelung zweier privater Unternehmen mit einer staatlichen Einrichtung bietet vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten.

Ich bin zwar schon einige Male in der neuen Heimat gewesen, kenne mich aber nicht so gut aus, wie Frau A., die hier wesentliche Teile ihrer Kindheit verbrachte. Um in die nächstgrößere Stadt Gemeinde zu gelangen, müssen wir über einen unbeschrankten Bahnübergang fahren. Selbstverständlich fahre ich immer vorsichtig und näherte mich auch diesmal mit verringerter Geschwindigkeit dem Gleis. Dennoch warnte mich Frau A.: „Hier kommen manchmal Züge vorbei.“
Ich: „Wie oft?“
Sie: „Ein mal am Tag.“
Ich: „Wann?“
Sie: „Das wechselt.“
Ich: „Das nennt man wohl Angeliter Roulette.“

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5 Responses to Schöne neue Welt

  1. Karen sagt:

    Oh, schön! Gutes Einleben!

    (Frau Lotte und der Kleine Herr A. werden sich sicher über Felder statt Hochhäuser freuen!)

  2. Marina sagt:

    Tja, so schnell geht das, einmal Deine Seite neu angeklickt und schon seit ihr in der neuen Heimat.
    Alles gute für Euch im schönen Norden 🙂
    LG Marina
    (ab jetzt wieder stille Leserin)

  3. Silke sagt:

    Gruß von einer zugewanderten Angeliterin! Als Ex-Kieler und dann Berliner haben wir der Kinder wegen vor 10 Jahren den Weg zurück nach S-H gemacht und tja, sind in Angeln gelandet. Dubai haben wir ausgelassen 🙂 Wünschen Euch eine gute Einlebezeit zwischen Holsteiner Rot- und Schwarzbunt. Is gar nicht so schlimm hier – und wenn erst mal wieder Mai ist…

  4. Herr A. sagt:

    @ Silke: Vielen Dank für die Grüße. Letztlich sind wir ja auch des Kindes wegen in diese ruhige Ecke gezogen, von einigen anderen anderen Annehmlichkeiten einmal abgesehen. Schlimm ist es hier überhaupt nicht – auch wenn ich als Stadtmensch einige Annehmlichkeiten vermisse. Aber bis Mai habe ich mich schon daran gewöhnt.

    • Silke sagt:

      Ach, nach 7 Jahren Berlin mit Stau Stau Stau, alternativ schlecht gelaunten U-Bahn-Reisenden, dem ständigen Lärm, haste mal ne Mark und der stehenden Luft habe ich mir geschworen, mich nie wieder über Wind aufzuregen. Ich mag die spektakulären Wolken, die schnellen Wetterwechsel hier, die gute Luft (zwischen Güllezeiten), hat alles was für sich. Die See in der Nähe zu haben finde ich fein und man kann bei jedem Wetter hin fahren, und wenn die Kinder auch nur Löcher und Kanäle in den Strand graben.
      Der Eingeborene, der Dich über die Felder schickte, hat es bestimmt nicht böse gemeint, wahrscheinlich wandelte er seit seiner Jugend über diese Pfade und wie soll man sich da verlaufen? Berliner hingegen sehen es sportlich, Touristen mal in die falsche Richtung zu schicken. Ächt jetzt!
      Viel Freude noch beim Renovieren! In der Regel hören die Schmerzen am 3. Tag auf 😉

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