Herbstspaziergang

Montag 18. Oktober 2010

Heute brachte der morgendliche Gang zu den Fenstern einen für uns ungewohnten Anblick. Solche Temperaturen wahren wir allenfalls aus dem Kühlschrank gewohnt:

Auch Rauhreif habe ich seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich den vermisst habe.

Die Katze geht seit einigen Tagen nur noch widerwillig auf den Balkon, sondern bleibt lieber auf der Fensterbank liegen und sonnt sich. Denn das Wetter draußen ist genial. Die Sonne scheint, der Himmel strahlt in wolkenlosem blau und ein frischer Wind weht einem um die Ohren. Dies habe ich vor einigen Tagen ausgenutzt und habe die Umgebung erkundet. Ich lasse diese Herbstfotos einfach unkommentiert stehen, denn die Farben sprechen für sich.

Ab morgen bin ich für einige Tage unterwegs. Ich werde dann täglich ein Foto posten, bis jemand errät, wo ich gerade bin. Der/die Erste bekommt einen kleinen Preis meiner Wahl (Verwandte, Bekannte und Freunde dürfen nicht teillenehmen und sollen auch nichts verraten).

 

 

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Traue keinem Einheimischen

Donnerstag 30. September 2010

Diese Phase der Renovierungsarbeiten in unserem neuen Heim konnte ich heute vorläufig beenden (Damit niemand auf falsche Gedanken kommt: das Gelb und das Rosa wurden mit Weiß überstrichen – nicht umgekehrt). Von der mehrtägigen Farbe-an-die-Wand-Aktion in allen möglichen Körperhaltungen von gebückt bis gestreckt habe ich Rückenschmerzen bekommen, man ist ja keine zwanzig mehr.

Um dem weiteren körperlichen Verfall etwas entgegenzuwirken, wollte ich mich endlich wieder sportlich betätigen. Dafür holte ich die Laufschuhe aus dem Koffer, packte mich einigermaßen warm und windfest ein und lief los. Durch das Dorf bis zum Ortsausgangsschild und dann auf dem Radweg dem nächsten Dorf entgegen. Nach kurzer Zeit verließ mich die Kondition und ich blieb vor einem Haus stehen, von dem aus ein asphaltierter Weg in Richtung Felder führte. Ein grauhaariger Mann mähte Rasen im Garten. Da ich keine Lust hatte, den gleichen Weg, den ich gekommen war, wieder zurückzulaufen, fragte ich den Mann, ob dieser Weg irgendwohin führen würde. Er antwortete sinngemäß, joo, da laufen se geradeaus, dann den Plattenweg entlang, dann links, durch den Wald, dann wieder links und dann kommen see hier wieder raus – und zeigte auf eine kleine Schotterpiste die links vom asphaltierten Weg abging. Eigentlich war ich ja schon nicht mehr frisch, aber der Wind, die Sonne, das Grün motivierten mich zu einer kleinen Extratour.

Also lief ich. Geradeaus an Feldern vorbei, dann auf dem Plattenweg, auf dem erst vor kurzem ein Traktor viel Matschboden verteilt hatte. Dann links, in den Wald. Dann durch den Wald, ich hatte schon ganz vergessen, wie schön es sein kann, zwischen hohen Bäumen zu stehen und morsche Äste unter dem eigenen Gewicht knacken zu hören. Dann hörte der Weg auf und wurde zu einem Trampelpfad. Dann endete auch der Pfad. Und ich stand im Wald. Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass auf die Angaben von Eingeborenen Einheimischen nicht unbedingt Verlass ist. Aber nun war es zu spät. Ich ging weiter durch den Wald in die ungefähre Richtung zurück zur Landstraße. Interessanterweise taten sich immer neue Pfade und Traktorspuren auf, die aus verschiedenen Richtungen kamen, aber in meinem Fall immer recht schnell endeten. Ich frage mich auch, wer zum Teufel mitten in den Wald eine kleine Holzbrücke über einen ausgetrockneten Graben baut, der mit einem großen Schritt überquert ist.

Irgendwann ging es dann nicht mehr weiter, weil ich zwar am Ende des Waldes angekommen war, aber vor einer eingezäunten Koppel stand, auf der einige Rindviecher grasten. Dort rüberzumarschieren kann gutgehen, muss aber nicht. Ich ging also den ganzen Weg zurück, über die Brücke, durch den Wald wieder auf den Plattenweg. Für ein oder zwei Minuten fing ich wieder an zu laufen, entschied mich aber dann für den langsameren Jogging-Spaziergang, also vielleicht eher schnelleres Gehen.

Der Mann war nicht mehr in seinem Garten, als ich die Hauptstraße erreichte. Hat er aber Glück gehabt.


Muss ich mich auch erst wieder daran gewöhnen

Samstag 25. September 2010

… dass Geschäfte samstags schon ab Mittag schließen und sonntags gar nicht geöffnet sind.

… dass man vom Wohnzimmeranstreichen einen veritablen Muskelkater bekommen kann.

Nachtrag: Im „Nächstgrößeren Dorf“, so erfuhr ich heute, hat ein Supermarkt samstags sogar bis 22 Uhr geöffnet. Außerdem gibt es in den nächsten Wochen mehrere verkaufsoffene Sonntage in Flensburg und Schleswig. Und:  Im Grenzgebiet zu Dänemark  herrscht eine erweiterte Regelung zum „Sonntags einkaufen“, so dass hier die Geschäfte sonntags von 11 bis 23 Uhr geöffnet haben dürfen.
Ist also doch alles fast wie in Dubai.

Nachtrag 2: So ging hier heute die Sonne unter:


Schöne neue Welt

Dienstag 21. September 2010

Erster Tag des Provinzblog Weltblog  in der neuen Heimat. Nach einer durchflogenen Nacht sind wir heil und zufrieden in Hamburg gelandet. Von „ausgeschlafen“ konnte trotz Business Class zumindest bei mir nicht die Rede sein, denn die Katze wehrte sich während des Fluges nach Deutschland kratzend und beißend gegen das Eingesperrtsein, hatte sogar fast einen erfolgreichen Ausbruchsversuch. Hier erkennt man noch ganz gut ihren Unmut über diese Behandlung.

Nach der Landung in Frankfurt war sie dann so müde, dass sie den Weiterflug schlafend verbracht hat. Am nächsten Tag ging es im Auto Richtung Norden. In ein kleines Dorf in Angeln, so wird die Gegend im Dreieck zwischen Flensburg, Kappeln und Schleswig genannt. Folglich heißen die Bewohner der Region Angeliter. Manche würden spotten, dass Herr A. nun endgültig in der Provinz angekommen sei, nachdem Dubai ja nun auch nicht gerade in die Riege der Weltmetropolen gehöre. Man könnte aber auch sagen, Herr A. lebt in einer schönen, ruhigen Gegend zwischen Schlei und Flensburger Förde. Den genauen Namen verrate ich nicht. Nennen wir es einfach künftig „Das Dorf“.

Als ich vergangene Woche auf das Dach unserer Wohnung in Dubai stieg, konnte ich noch die Skyline samt Burj Khalifa sehen. Seit dem heutigen Morgenkaffee bietet sich mir ein völlig anderes Bild. Keine Hochhäuser zwar, aber wie ich finde, ein beruhigende Aussicht. Kann man nicht sogar sehen, wie viel besser die Luft hier draußen ist? Der Himmel ist tatsächlich blau, wenn keine Wolken stehen, und man spürt geradezu den frischen Wind, der hier weht. Falls jemand ihn nicht sehen sollte: er weht. Und zwar ordentlich. Und nicht zu warm.

Lotte interessierte das alles heute morgen noch nicht.

Mental scheine ich Dubai aber noch nicht völlig hinter mir gelassen zu haben. Heute morgen mussten wir eine Weile hinter einem orangen Tanklaster herschleichen, weil die Landstraße in jede Richtung  nur eine Fahrspur hatte (ich bin mir nicht sicher, ob es in dieser Gegend außerhalb der Städte überhaupt breitere Straßen gibt) und hinter jeder Kurve sofort die nächste begann. Zunächst fragte ich mich, warum an diesem Laster keine bunten Metallketten herunterhingen, die doch bei den pakistanischen Fahrern immer die bösen Geister vertreiben sollen. Dann fiel mir auf, dass die Reifen völlig in Ordnung zu sein schienen und die Karkasse noch nicht zu sehen war. Außerdem waren die Schläuche auf dem Wagen ordentlich zusammengerollt –  dieser Laster war offensichtlich nicht unterwegs, um Abwässer in die Kläranlage gleich hinter International City zu bringen….

Man kann von der Provinz an der dänischen Grenze halten, was man möchte. Aber dumm sind die Leute nicht. Anderswo versuchen Gemeinden, Städte und Landkreise mit viel Aufwand Unternehmen aus einer Branche anzusiedeln, die dann sogenannte Cluster darstellen sollen. Damit sollen dann weitere Unternehmen angelockt werden, die sich Synergie- und Innovationsvorteile davon versprechen. Bekannte Beispiele sind etwa das Silicon Valley in Kalifornien oder aber im regionalen Maßstab der Mikrotechnologie-Cluster in Itzehoe sowie die Netzwerkagentur für Windenergie. Ganz so weit ist man in Steinbergkirche noch nicht. Aber die örtliche Bündelung zweier privater Unternehmen mit einer staatlichen Einrichtung bietet vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten.

Ich bin zwar schon einige Male in der neuen Heimat gewesen, kenne mich aber nicht so gut aus, wie Frau A., die hier wesentliche Teile ihrer Kindheit verbrachte. Um in die nächstgrößere Stadt Gemeinde zu gelangen, müssen wir über einen unbeschrankten Bahnübergang fahren. Selbstverständlich fahre ich immer vorsichtig und näherte mich auch diesmal mit verringerter Geschwindigkeit dem Gleis. Dennoch warnte mich Frau A.: „Hier kommen manchmal Züge vorbei.“
Ich: „Wie oft?“
Sie: „Ein mal am Tag.“
Ich: „Wann?“
Sie: „Das wechselt.“
Ich: „Das nennt man wohl Angeliter Roulette.“